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Vom sanften Umgang mit Pferden – Im Gespräch mit Andrea Kutsch – Duesseldogs Springe zum Inhalt

Vom sanften Umgang mit Pferden – Im Gespräch mit Andrea Kutsch

„Der Mensch ist oft die größere Herausforderung als das Pferd“, ist Andrea Kutsch überzeugt. Die Frankfurterin ging bei Monty Roberts in die Lehre. Von dem berühmten Pferdeflüsterer lernte sie Equus, die non verbale Kommunikation mit Pferden über Körpersprache. Im Herbst 2006 öffnete sie die Andrea Kutsch Akademie, dort können Interessierte alles über den gewaltfreien Umgang mit Pferden lernen. Düsseldogs traf Andrea Kutsch zu einem Interview über Körpersprache, Kommunkation und die Mensch-Pferd-Beziehung.

2006 eröffnete Andrea Kutsch die nach ihr benannte Akademie, um den gewaltfreien Umgang mit Pferden zu lehren. - Foto: toffi-images/Lübbe Verlag

Verändert die Arbeit mit Pferden einen Menschen?

„Ja. Man entwickelt eine andere Lebensphilosophie, in der Gewalt keinen Platz mehr hat. Damit meine ich nicht unbedingt ausschließlich die körperliche Gewalt. Sondern vielmehr die Aggression, die oft im Umgang mit einem Tier eingesetzt wird, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Wenn man glaubt gleich explodieren zu müssen vor überschäumender Wut, die eine Situation dann irgendwann eskalieren lässt. Das habe ich früher häufig empfunden. Ich hatte eine sehr geringe Reizschwelle. Das hat sich absolut verändert. Ich versuche nun zu vermitteln, wenn das Gegenüber mich nicht versteht und ich suche die Schuld nicht mehr bei anderen. Stattdessen bemühe ich mich meine Botschaft besser verständlich zu machen, indem ich einen neuen Weg einschlage. Das verändert einen mit der Zeit. Man verliert nicht mehr so viel Energie dadurch, dass man in dieser Wut feststeckt.“

Wenn man Sie bei der Arbeit beobachtet, fällt als erstes auf, wie konzentriert Sie bei der Sache sind; es gibt nur Sie und das Pferd. Was tun Sie, wenn Sie merken, dass Sie mit Ihren Gedanken woanders sind?

„Wenn ich mal in einer Situation nervös werde, versuche ich einen anderen Weg einzuschlagen, der mir erlaubt, die Situation ruhiger zu meistern. Diese Rückbesinnung auf die Ruhe ist dann auch besser und erfolgreicher fürs Pferd. Nehmen wir einmal das Beispiel eines scheuen Arabers. Mit so einem Pferd gehe ich nicht ins Round Pen (Anmerkung: ein durch Gitterelemente begrenzter großer Kreis), um gleich einen Reiter draufzusetzen, wenn das Pferd sehr nervös ist. Denn man kommt schnell in eine Gefahrensituation. In solchen Momenten habe ich kein Problem damit zu sagen, ich wollte zwar ursprünglich einen Menschen draufsetzen, aber nun ändere ich diesen Plan. Ich mache dafür vielleicht erst einmal nur aus Baumwolle genähte Beine an den Sattel oder finde eine andere Lösung. Ich versuche immer den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der es mir erlaubt stress- und angstfrei zu arbeiten. Damit gebe ich dem Pferd die gleiche Möglichkeit. Deshalb verschwindet anfängliche Nervosität sehr schnell aus diesem Szenario. Wenn ich an einem Pferd arbeite und mein Kopf noch angefüllt mit anderen Gedanken ist, verändert sich das in dem Moment in dem das Tier neben mir steht und ich in den Dialog mit ihm trete.“

Andrea Kutsch konzentriert sich immer voll und ganz auf das Pferd mit dem sie gerade arbeitet. - Foto: AKA

Kommuniziert man anders mit Menschen, weil man um die Wirkung der Körpersprache weiß

„Ja. Wenn ich arbeite, verschwindet alles um mich herum und es gibt nur das Pferd und mich. Dabei muss man einfach voll konzentriert sein und das geht nur, wenn man das gesamte Szenario drum herum eliminiert. Nur der Dialog mit dem Pferd spielt eine Rolle. Viele haben mich eine Zeitlang als arrogant bezeichnet. Wenn ich mit einem Pferd kommuniziere, kann ich mich nicht mit jemand anderem unterhalten. Ruft mir jemand dabei etwas zu, ist es so als würde ich in einem angeregten Gespräch unterbrochen. Unterhält man sich mit einem Menschen, unterbricht man ja auch nicht gleich die Unterhaltung, sondern lässt die Person erst ausreden und fragte dann, Entschuldigung, hast du gleich mal eine Minute? Dann kann man sagen, später. Wenn der andere aber gleich losplaudert, kann ich darauf nicht reagieren, weil ich beschäftigt bin. Dieses Bewusstsein haben viele Menschen nicht, wenn sie mit einem Pferd arbeiten. Wenn ein anderer dazukommt, unterhalten sie sich gleich. Ich aber sage in diesen Situationen, Moment – ich bin bereits in einer Unterhaltung, sie ist für dich nur nicht so offensichtlich. Das habe ich mir auch im Umgang mit Menschen angewöhnt. So wie ich mit Ihnen jetzt im Gespräch bin, spielt es keine Rolle für mich, wie viele Termine noch auf mich warten oder wie vorangegangene Interviews verlaufen sind. Ich konzentriere mich ganz auf den Moment.“

Wäre es besser, wir würden öfter mal den Mund halten und dafür lernen zu beobachten, um das Gesehene später umsetzen zu können?

„Ja, genau das. Wir haben bei uns in der Akademie ein Fach, das nennt sich aktive Observation. Da lernt man das genaue Beobachten und bekommt Hinweise, worauf man dabei achten muss. Anfangs, als es dazu noch kein Seminar gegeben hat, bin ich mit den Leuten auf ein Gestüt gefahren und wir haben uns hingesetzt, um für eine Weile die Pferde nur anzuschauen. Eine halbe oder eine ganze Stunde lang passierte nichts. Die Leute haben bald angefangen auf die Uhr zu schauen und beschwerten sich, sie würden dabei nichts lernen, das sei ja alles Quatsch, da könnten sie sich auch zuhause auf die Weide hocken. Natürlich muss man etwas Geduld und Muse mitbringen. Der Wunsch muss da sein, die non verbale Kommunikation wirklich lernen zu wollen und das funktioniert nur über genaues Studieren der Pferde.“

Menschen, sagt Andrea Kutsch, projizieren zu oft ihre Sprache aufs Pferd. Das führt oft zu Kommunikationsproblemen. - Foto: AKA

Wo liegt das größte Problem bei der Beziehung Mensch und Pferd?

„Darin, dass der Mensch zu sehr versucht, sein Kommunikationssystem aufs Pferd zu projizieren. Er muss sich überlegen, was die Naturgesetze eines Pferdes sind. Die muss er studieren und annehmen. Wenn er das tut, dann verschwindet der Konflikt. Genauso viele Probleme, die durch Gewalteinfluss mit Pferden passieren, entstehen durch mangelnde Disziplin. Man muss Grenzen setzen, Spielregeln aufstellen, diese einhalten und einem Pferd niemals Angst oder Schrecken einjagen; schließlich ist es ein Fluchttier. Es ist das Erkennen der Natur des Pferdes, das und nur das kann einen kompetenten Dialog ermöglichen.“

Machen Sie vor jedem Training ein Join up – also ein von Monty Roberts entwickelter bestimmter Ablauf, um dem Pferd durch die eigene Körpersprache zu zeigen, dass man es versteht?

„Man macht es ein- bis dreimal hintereinander. Dann eigentlich nicht mehr. Denn das Join up ist nichts anderes als ein Prozess indem man dem Pferd zeigt, dass man mit ihm non verbal kommunizieren kann. Dadurch wird man für das Pferd in der Art, wie man sich verhält und bewegt, vorhersehbar. Wenn ich das Pferd mit mir in der Halle habe, mache ich es los und es geht von mir weg. Ich gehe dann in eine Position Auge in Auge, öffne meine Hand und signalisiere damit, wenn du weggehen willst, ist das in Ordnung. Wenn aber daraufhin demütige Gesten kommen und das Pferd beginnt nach 500 bis 600 m zu lecken und zu kauen, dann kann ich auf es eingehen und den Druck herausnehmen. Damit signalisiere ich ihm, du kannst gerne bei mir bleiben. Du hast dich entschieden wegzugehen. Wenn ich den Druck nachlasse, verlangsame ich damit das Pferd. Wenn ich meine Schulter nach innen drehe, kommt das Pferd zu mir. Damit ist die Ebene betreten die sagt, du kannst dich auf meine Kommunikation verlassen.

Sie werden nie sehen, dass ich ein Pferd dabeihabe und gleichzeitig den Arm hebe, um jemandem zuzuwinken. Das Pferd kann nicht strategisch daraus folgern, ach – die winkt dem da zu. Die Bewegung mit der Hand ist es, die es als eine Bedrohung wahrnimmt. Sie können beobachten, wie das Pferd in derselben Sekunde den Kopf hochreißt. So erkennen Sie immer, wie schnell Ihre Gestik eine Antwort vom Pferd bekommt.

Der Moment des "Join up" ist ein wichtiges Element in der Mensch-Pferd-Kommunikation. - Foto: AKA

Das Join up bringt den Fokus auf eine effektive vorhersehbare Kommunikationsebene und von diesem Moment an, einigen Sie sich mit dem Pferd auf diese Verhaltensmuster. Geschlossener Arm, gesenkter Blick, nach innen gedrehte Schulter usw., durch diese Gesten kehrt Ruhe in die Pferde ein. Die Vorhersehbarkeit unserer Körpersprache löst bei ihnen keine Angst mehr aus. Wenn Sie ein bis drei Join ups gemacht haben, werden Sie sehen, dass die Pferde nicht mehr von Ihnen weggehen wollen. Weil sie wissen, dass die Konsequenz fürs Weggehen Arbeit bedeutet. Pferde sind Energiesparer. Die werden sich immer bemühen, mit Ihnen eine Lösung zu finden, um in Ruhe mit Ihnen zu arbeiten.  Ein Pferd, das diese Muster versteht, lernt gleichzeitig, dass es sich sicher bei Ihnen fühlen kann. Dementsprechend brauchen wir danach kein Join up mehr. Denn wenn die Pferde bei Ihnen bleiben, dann ist Join up gelungen.“

Andrea Kutsch hat das "Join up" bei Monty Roberts gelernt, der zur Eröffnung ihrer Akademie kam. - Foto: AKA

Wenn der Moment des Join up eine bewusste Entscheidung ist, könnte man davon ableiten, dass Tiere ein Bewusstsein haben?

„Ja – wissenschaftliche Untersuchungen ändern sich immer mehr dahingehend. Es hieß lange, dass es keine bewussten Entscheidungen bei Tieren gibt und dass Pferde beispielsweise rein aus Lerntheorien heraus handeln. Bis in die 80er Jahre hinein wurde behauptet, dass instinktives Verhalten gar nicht möglich ist. In den 30er Jahren kippte das erstmals etwas mit den Erkenntnissen von Konrad Lorenz. Es hieß, dass die instinktiven Verhaltensweisen nicht da sind und das alles ein gelerntes Verhalten ist aus der Situation heraus. Konrad Lorenz konnte da Erkenntnisse anführen, die etwas anderes belegten. Bezogen aufs Pferd, fand man das aber erst in den 80ern heraus. Es gibt dazu noch viel zu wenige Studien. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Pferd – es hat nur wenig strategisch ausgeprägte Gehirnmasse – in der Lage ist, eine Entscheidung hin zu Ja oder Nein zu treffen. Ich komme zu dir, weil es angenehmer ist, weil du mein Freund sein kannst und ich dich nicht fürchten muss.“

Mit welchen Problemen kommen die Leute hauptsächlich zu Ihnen?

„Die Grundnervosität von Pferden und deren Widerspenstigkeit. Gemeint ist damit, die Pferde machen nicht das, wonach der Mensch fragt. Weil der keinen Weg findet, ihnen die richtigen Informationen zu geben. Das betrifft dann alle Bereiche vom nicht verladen bis hin zum nicht reiten können. Die Pferde stehen nicht still, sind unruhig und nervös, weil sie dem Menschen nicht vertrauen.“

Gab es je aussichtslose Fälle, bei denen Sie nichts mehr tun konnten?

„Noch nicht einen! Es gab einen einzigen Fall, da war das Pferd sehr aggressiv und ich habe es nicht trainiert, weil es für ein Kind sein sollte. Ich habe den Besitzern gesagt, ich kann das Umfeld dieses Pferdes nicht kontrollieren. Selbst wenn ich es in Ordnung bekommen sollte, kann ich nicht garantieren, dass es nicht doch irgendwann mal das Kind beißt. Dann kommt die Öffentlichkeit und sagt, das Pferd hat Andrea Kutsch trainiert und nun ist das Kind verletzt. Deshalb habe ich diesen Fall abgelehnt. Ansonsten gab es keinen aussichtslosen Fall. Es gab immer zumindest eine große Veränderung festzustellen.“

Wie gehen Sie mit der Beratungsresistenz mancher Pferdehalter um?

„Dafür habe ich die Akademie gegründet. Denn jetzt kann ich diesen Leuten jemanden empfehlen. Ich verstehe die Besitzer ja. Wenn Sie Kopfschmerzen haben, studieren Sie ja auch nicht Medizin. Im Moment haben wir noch die Situation, dass der Pferdebesitzer dem ausgeliefert ist, was er sich selbst an Informationen besorgen kann. Das ist für viele ein Riesenproblem. Aber mit den Absolventen der Akademie kann ich diesen Menschen einen Adressenpool nennen, wo sie sich kompetente Hilfe holen können.“

An wen richtet sich das Angebot der Andrea Kutsch Akademie (AKA) und welche Voraussetzungen müssen die Studenten mitbringen?

„Wir haben verschiedene Angebote, basierend auf einem aufeinander aufbauenden Kurssystem, anderen Abschluss beispielsweise die Zertifizierung als Equiner Coach steht. Man sollte Erfahrungen mit Pferden mitbringen. Was aber nicht bedeutet, dass man nun ein Reitlehrer sein muss oder ein Trainer. Man sollte allerdings eine klare Vorstellung haben, dass man beruflich mit Pferden arbeiten will. Man muss gegen Gewalt sein, denn die findet in diesem Szenario nicht statt. Bei uns gibt es weder Peitschen oder Gerten, noch Sporen oder Schlaufzügel, keine Ausbinder oder Kandaren. Ein offener Geist ist wichtig, der Wunsch lernen zu wollen und die Kraft, die Welt zu verändern.“

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

Kontakt und weitere Infos:  Andrea Kutsch Akademie: www.andreakutschakademie.com

 

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